🕊️Kriegstüchtigkeit

Friedensraum
🕊️ Frieden 📜 Geschichte 🧠 Psychologie 🚫 Kriegstüchtigkeit
Die Frage, ob „Kriegstüchtigkeit“ zur menschlichen Natur gehört, lässt sich hingegen sehr wohl wissenschaftlich untersuchen – und mit einem klaren NEIN beantworten. Nur psychisch schwer gestörte Menschen wollen Krieg. Auf „Kriegstüchtigkeit“ getrimmt zu werden, macht uns krank.
Das stammt von Dr. Andreas Peglau, Psychologe & Psychoanalytiker.
Hier ist eine Kurzzusammenfassung von Andreas Peglaus These:
🕊️ Psychisch gesunde Menschen wollen keinen Krieg – Frieden ist unsere Natur 🌱.
⚔️ „Kriegstüchtigkeit“ ist Dressur – Heilung heißt: frei und verbunden bleiben ✨.
- Kernidee: Menschen sind nicht „geborene Krieger“; Krieg ist keine Menschheitskonstante. In einem gesunden seelischen Zustand wollen Menschen keinen Krieg („Psychisch gesunde Menschen wollen keinen Krieg“). Anregungen zum (selbst)bewussten Leben+1
- Archäologie/Anthropologie: Für den allergrößten Teil der Menschheitsgeschichte gibt es keine belastbaren Kriegsnachweise; viele tödliche Ereignisse in Jäger-/Sammlergruppen hatten persönliche Motive, nicht Kriege zwischen Kollektiven. Der oft zitierte „älteste Krieg“ (Fundstätte 117/Sudan) ist umstritten. Anregungen zum (selbst)bewussten Leben
- Friedliche Ordnungen existieren: Es gibt historische und heutige Gesellschaften, die über Jahrzehnte bis Jahrhunderte stabil friedlich leben. Förderlich sind u. a. gemeinsame Identität, verbindende Institutionen/Rituale, antikriegerische Normen und eine „Friedenssprache“ in Medien/Politik. manova.news
- Tötungshemmung: Selbst im Militär zeigt sich eine natürliche Hemmung, zu töten; Armeen müssen sie durch Drill und Konditionierung überwinden (z. B. Zweiter Weltkrieg: nur ein kleiner Teil der Infanteristen feuerte überhaupt). manova.news
- „Kriegstüchtigkeit“ ist sozial hergestellt: Kriegsbereitschaft entsteht durch autoritäre Erziehung, Demütigungen, Unfreiheit, Propaganda und Feindbildproduktion; aufgestaute, nicht auslebbare Affekte werden nach „unten“ oder auf „Fremde“ kanalisiert (Anschluss an Reichs Konzept des autoritären Charakters). manova.news
- Konsequenz: Friedfertigkeit ist menschlich angelegt, entfaltet sich aber nur in einer „gesunden Gesellschaft“. Peglau plädiert für individuelle und strukturelle Veränderung (therapeutische Kultur, demokratische/gleichberechtigte Beziehungen) statt Zynismus oder Biologismus. manova.news
- Abgrenzung: Populäre Erzählungen, die Gewalt als „Naturzustand“ setzen (Hobbes-Deutung, Pinker/Chagnon-Narrative), hält Peglau für empirisch schwach bzw. verzerrend. Anregungen zum (selbst)bewussten Lebenmanova.news
Das folgende stammt aus dem Originaltext „Wir sind keine geborenen Krieger“.
Quintessenz
- Die Behauptung, Menschen führten schon immer Krieg, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grund- lage, ist unseriös und irreführend.
- Die Frage, ob wir „geborene Krieger“ sind, ob „Kriegstüchtigkeit“ zur menschlichen Natur gehört, lässt sich wissenschaftlich sehr wohl untersuchen – und mit einem klaren NEIN beantworten. Wer eigene Kinder hat beziehungsweise ausreichend intensiven Kontakt zu kleinen Kindern, kann an dieser Stelle auch überlegen, ob er oder sie diese Kinder als grundlos aggressiv oder gar zerstörerisch wahrnimmt – als „geborene Krieger“, denen eine Bereitschaft zum Töten zuzuschreiben sei. Es gibt inzwischen zahlreiche Befunde aus verschiedenen Wissenschaftszweigen, die nachweisen, dass wir auf die Welt kommen mit dem Potential zu prosozialem Verhalten, zu Liebe, Freundschaft, Koopera- tion und Friedfertigkeit.92 Und dieses Potential drängt danach, sich zu verwirklichen!
Selbst die Politi- ker, die heute wieder Krieg und Massenmord veranlassen, sogar diejenigen, die diese Morde dann ausführen, sind vor einigen Jahren als gute Menschen auf die Welt gekommen. Anders gesagt: Wir alle haben alle nötigen Voraussetzungen, um innerhalb einer guten Gesellschaft auch gute Menschen zu sein.
Darauf aufbauend, ist wiederum eine plausible Spekulation über die menschliche Frühzeit möglich. Eine heute von vielen Wissenschaftlern akzeptierte These ist, für sämtliche Vertreter des Homo sapi- ens – der Neandertaler lässt sich hier wohl ergänzen – eine „psychische Einheit“ anzunehmen. Mit anderen Worten: Seit es „moderne“ Menschen gibt, verfügen sie über gleichartige seelische Anlagen.
Graeber und Wengrow93 schreiben, „dass ein Mensch, der von Elefantenjagd oder Sammeln von Lo- tusknospen lebt, genauso analytisch, kritisch, skeptisch und einfallsreich sein kann, wie jemand, der sein Geld als Kraftfahrer oder Wirt verdient oder einen universitären Fachbereich leitet“. Es lässt sich also vermuten, dass auch unsere fernen menschlichen Ahnen ebenso wenig kriegslüstern waren, wie wir es von Geburt an sind.
Und heute?
Wenn es das Potential in uns gibt, in einer guten Gesellschaft gute Menschen zu sein – woran liegt es, wenn sich dieses Potential nicht entfaltet? Daran, dass wir in keiner guten Gesellschaft leben. Kinder sind in keiner Weise weniger wert als Erwachsene. Sie haben aber im Vergleich zu Letzteren kaum Möglichkeiten, über ihre Lebensumstände selbst zu bestimmen. In einer Welt wie der unsrigen, die geprägt ist von autoritären Hierarchien, von Ausbeutung, Unterdrückung, familiärer sowie staatli- cher Kontrolle und Umweltzerstörung, ist für die Entfaltung psychisch gesunder Kinder wenig Platz. Die sich daraus für sie ergebenden Leiden und Entbehrungen, ihre vielfach unzureichend befriedigten Bedürfnisse verursachen Trauer, Schmerz und Wut – die in aller Regel gegenüber den Erziehungsper- sonen nicht adäquat zum Ausdruck gebracht werden dürfen. Sie stauen sich daher an, bis sie destruk- tive Ausmaße annehmen – was später durch Erniedrigungen in der Schule, der Ausbildung, der Be- rufs- und Arbeitssphäre verstärkt wird. 12
Da auch solcherart angestaute Gefühle offiziell zumeist nicht ausgelebt werden dürfen – es sei denn, man wird zum Beispiel Soldat –, werden sie verborgen hinter einer Fassade sozialer Angepasstheit, Höflichkeit und Nettigkeit. So entsteht – noch immer – der nach oben buckelnde, nach unten tre- tende „autoritäre Charakter“.94
Und das hat höchst bedenkliche Konsequenzen für das gesamte Sozialgefüge. Die destruktiven Emoti- onen sind nicht nur unterschwellig permanent vorhanden; sie können bei gegebenem Anlass auch jederzeit aus ihrem Versteck hervorbrechen. Dies umso leichter, wenn von Medien und Politik dafür als Zielobjekte sozial Schwächere oder dämonisierte „Fremde“ zur Verfügung gestellt werden. Das waren früher in Deutschland nicht zuletzt Juden, Kommunisten und Russen – und sind momentan er- neut Russen, bald wohl zusätzlich auch Chinesen.95
Auf diese Weise, durch das massenhafte Herbeisozialisieren destruktiver psychischer Strukturen und mediale Manipulation wurde und wird versucht, Menschen zur „Kriegstüchtigkeit“ abzurichten. Je ag- gressionsgestauter und selbstwertgestörter wir gemacht werden, desto verwendbarer sind wir für jede Art destruktiver Zwecke – ob diese nun mit nationalistischen, neofaschistischen, fundamentalis- tischen, imperialistischen, umweltzerstörerischen, kinder-, frauen-, homosexuellen- oder ausländer- feindlichen Ideologien verbrämt werden.
Wird der massenhaft angestauten explosiven Wut ein Ventil geboten, sind die Gesinnungen aus- tauschbar: Terror und Mord lassen sich ebenso mit dem Alibi „rechter“ wie „linker“ Weltanschauung verüben, zur Ehre Gottes, zum Heile Allahs, zugunsten einer Öko-Diktatur oder – wie gegenwärtig – als Bestandteil westlicher neoliberaler „regelbasierter“ Weltbeglückung.
Den prinzipiellen Vorgang hat der Psychoanalytiker Wilhelm Reich 1933 in seiner Massenpsychologie des Faschismus so beschrieben: Die Unterdrückung der Kinder mache diese „ängstlich, scheu, autori- tätsfürchtig, im bürgerlichen Sinne brav und erziehbar“. Kinder durch- liefen zunächst „den autoritären Miniaturstaat der Familie, […] um später dem allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen einordnungsfähig zu sein“. Die aufgestaute Lebensenergie, die nach dem Erleiden die- ses Erziehungsprozesses auf natürlichem Wege keine Abfuhr mehr erlange, suche nun nach Ersatzventilen, fließe ein in die natürliche Aggression und steigere diese so „zum brutalen Sadismus, der ein wesentliches Stück der massenpsychologischen Grundlage desjenigen Krieges bildet, der von einigen wenigen aus imperialistischen Interes- sen insceniert wird“. Der solcherart psychisch deformierte Mensch „handelt, fühlt und denkt“ entgegen seinen Lebensinteressen.96
So werden wir zu „Kriegern“ GEMACHT.
Aber da es in unserer Natur liegt, friedlich, solidarisch und prosozial zu sein – wir können ohne an- dere Menschen gar nicht „menschlich“ sein, zu Beginn unseres Lebens auch nicht ohne sie existieren – macht es uns krank, auf „kriegstüchtig“ getrimmt zu werden.
Alternativen, Perspektiven
Bleibt die Frage: Was muss geschehen, damit Menschen wieder so friedfertig WERDEN, wie sie offen- bar zur Welt kommen – oder, noch besser: damit sie gleich so friedfertig BLEIBEN können? Weil ich mich dazu schon vielfach geäußert habe,97 will ich mich sehr kurzfassen.
Wir brauchen nach wie vor eine Umwälzung der ökonomischen und politischen Verhältnisse, einen Ausstieg aus unserer immer destruktiver werdenden, neoliberal-kapitalistischen Gesellschaftsstruk- tur. Das allein genügt jedoch nicht, wie insbesondere das letztlich missglückte Experiment des „realen Sozialismus“ gezeigt hat. Hinzukommen muss eine psychosoziale Revolution. 13
Den dahinter liegenden Zusammenhang hat Wilhelm Reich 1934 auf den Punkt gebracht: „Versucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann.“98
Für unsere Gegenwart ließe sich das so konkretisieren: Erwachsene sollten – nicht zuletzt unter Nutzung psychotherapeutischen Wissens – an ihren herbeisozialisierten seelischen Störungen arbeiten und zu- gleich dafür sorgen, dass ihren Kindern und Enkeln erspart bleibt, diese Störungen überhaupt erst auszubilden. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz brachte – unter anderem in seinem Buch Der Gefühlsstau99– ein entsprechendes Konzept der „the- rapeutischen Kultur“ in die DDR-Wende ein und hat es inzwischen zur „Beziehungskultur“100 weiterentwickelt.
Kinder liebevoll ins Leben zu begleiten, aktiv nach guten und gleichbe- rechtigten Partnerschaften, erfüllter Sexualität und psychischer Ge- sundheit zu streben, privat und öffentlich autoritär-lebensfeindliche oder gar zum Krieg hetzende Normen in Familie, Schule, Beruf, Me- dien, Kirche, Politik und Staat anzuprangern und nach Gleichgesinnten zu suchen, mit denen sich dagegen Widerstand leisten lässt – das hat inzwischen noch an Bedeutung und Brisanz gewonnen.101
Die prägnanteste Beschreibung des langfristigen Ziels solcher Bemühungen stammt von Erich Fromm: eine „gesunde Gesellschaft“, „in der sich niemand mehr bedroht fühlen muss: nicht das Kind durch die Eltern; nicht die Eltern durch die über ihnen Stehenden; keine soziale Klasse durch eine andere; keine Nation durch eine Supermacht“.102

